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Die Krise des Westens: Chance für einen neuen Humanismus?

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Der sich abzeichnende geopolitische Machtverlust des Westens, die Entwicklung bedrohlicher neuer Technologien und die sich immer weiter beschleunigende Konzentration von Reichtum und damit politischer Macht verändern die Zivilisation nachhaltig. Am Horizont erscheint eine feudale Klassengesellschaft, die von einer hochtechnologischen Überwachungsmaschinerie flankiert wird. Sind Allianzen möglich, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten?

Drei Megatrends und ihre verhängnisvoll verketteten Konsequenzen

Neben der aktuellen Pandemie gibt es in der heutigen Welt eine Anzahl weiterer besorgniserregender Entwicklungen. An erster Stelle wäre die geopolitische Machtverschiebung zu nennen, die sich im Aufstieg Ostasiens und insbesondere Chinas in Verbindung mit dem ständigen Niedergang der Vereinigten Staaten und des Westens im Allgemeinen manifestiert. Dieser Trend birgt die Gefahr einer militärischen Eskalation in sich, die sogenannte Thukydides-Falle. Die Geschichte zeigt deutlich, dass solche geopolitischen Machtverschiebungen nicht selten mit dem Risiko einer grundlegenden Zivilisationskrise verbunden sind.

Ein weiterer beunruhigender Trend, mit dem wir gegenwärtig konfrontiert sind, besteht in der Entwicklung einer Reihe neuer Technologien, welche sich bereits am Horizont der Geschichte abzeichnen und die von der künstlichen Intelligenz, über Data Mining, 5G und das Internet der Dinge bis zur Gentechnik reichen und in nicht allzu ferner Zukunft vielleicht sogar durch den Quantencomputer ergänzt werden könnten. Besorgniserregend an diesen neuen Technologien ist vor allem, dass im Moment vieles darauf hindeutet, dass sie dem humanistischen Fundament der europäischen Zivilisation widersprechen und es zu untergraben scheinen. Denn der Begriff der Privatsphäre und damit der Freiheit, der für die politische Philosophie Europas und sein Menschenbild von zentraler Bedeutung ist, ist mit der Umsetzung dieser Technologien unvereinbar.

Ein dritter beunruhigender Trend, mit dem wir es zu tun haben, ist nicht nur eine ungeheure Konzentration an Vermögen, sondern auch die Beschleunigung seines Wachstums. Während der aktuellen Viruskrise haben amerikanische Oligarchen wie zum Beispiel Bill Gates, Eric Schmidt und Michael Bloomberg bereits so gehandelt, als seien sie staatliche Institutionen, denen es gemeinsam obläge, die Welt nach der Coronakrise zu planen. (1) Erst kürzlich kursierte in den Zeitungen die Nachricht, dass der Gründer und Chef von Amazon, Jeff Bezos, während der Coronakrise einen so dramatischen Anstieg seiner Einkünfte erfahren habe, dass er in sechs Jahren, nämlich im Jahr 2026, der erste Billionär (englisch: Trillion, 10 hoch 12) der Menschheitsgeschichte sein wird. (2)

Um die Größe dieses Vermögens zu veranschaulichen: Diese Summe ist ca. 2,5-mal so hoch wie der Jahresetat, den Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, 2019 für alle seine Ausgaben aufgewendet hat, einschließlich Straßen, Eisenbahnen, Gesundheitsausgaben, Renten und Außenpolitik bis hin zum Militär. Es spielt keine Rolle, wo man sich selbst innerhalb des politischen Spektrums lokalisiert, ob man eher der linken oder der konservativen Seite angehört; jeder versteht instinktiv, dass eine derartige Konzentration von Vermögen zwangsläufig zu einer neuartigen Gesellschaftsstruktur führen muss, die dann nur noch schwer von einer klassischen Feudalordnung zu unterscheiden sein wird.

Denn eine solche Konzentration an Kapital ist einfach unvereinbar mit den Errungenschaften der Moderne, insbesondere mit den politischen Errungenschaften der Amerikanischen und der Französischen Revolution, aber auch mit den sozialen Errungenschaften der Russischen Revolution. Mit der gleichen Notwendigkeit, mit der das republikanische Zeitalter durch den Aufstieg der Bourgeoisie eingeläutet worden ist, mit der gleichen Unvermeidlichkeit wird es auch verschwinden, sobald die Verteilung des Vermögens einen kritischen Punkt erreicht haben wird. Und die Menschheit befindet sich derzeit auf globaler Ebene ziemlich nah an diesem Wendepunkt.

Wenn man die beiden letztgenannten Trends im Zusammenhang betrachtet, nämlich den technologischen Trend, der zum ersten Mal in der Geschichte einen nahezu perfekten Überwachungsstaat ermöglicht, und den Trend hin zu einer immer größeren Vermögenskonzentration, dann wird deutlich, dass diese beiden Entwicklungen auf sehr beängstigende Weise dazu neigen, sich gegenseitig zu verstärken. Es scheint fast, als ob die Menschheit auf eine dystopische Zukunft zusteuere, ähnlich jenen Dystopien, die bereits in vielen Science-Fiction-Romanen beschrieben worden sind und in denen nicht selten eine feudale Klassengesellschaft von einer hochtechnologischen Überwachungsmaschinerie flankiert wird.

Dies wirft die Frage auf, ob der gegenwärtige Entwicklungspfad der Geschichte korrigiert werden könnte oder nicht? Gibt es Gegenkräfte, die helfen könnten, die Geschichte in eine fortschrittliche und menschliche Richtung zu lenken, nämlich eine Entwicklung befördern würde, die mit den Errungenschaften der Aufklärung und des republikanischen Zeitalters koexistieren könnte? Oder ist die Menschheit unwiderruflich in jene technisch-mythische Einbahnstraße eingebogen, die bereits Walter Benjamin vor Augen gestanden hat? (3) Im Folgenden sollen drei mögliche Auswege aus der gegenwärtigen Situation beschrieben und analysiert werden.

Drei mögliche Gegenkräfte

Die erste mögliche Gegenkraft wäre die Entwicklung eines zweiten Zivilisationsmodells mit globaler Ausstrahlungskraft, das neben dem gegenwärtigen westlichen Zivilisationsmodell entstehen und damit die bipolare Weltordnung wiederherstellen würde. Dieses zweite Modell einer Weltzivilisation könnte allerdings nur in wenigen Weltregionen entstehen, da weite Teile der Welt entweder wirtschaftlich oder militärisch oder in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht zu schwach entwickelt sind. Ein zweites Zivilisationsmodell könnte deshalb nur in Asien beziehungsweise Eurasien entstehen, entweder in Gestalt einer chinesisch geführten Zivilisation oder in Form einer eurasischen Zivilisation mit der Russischen Föderation als Zentrum oder – und dies ist die wahrscheinlichste Variante – als eine Allianz dieser beiden Länder.

Eine solche Zivilisation würde Zentralasien dominieren und eine besondere Beziehung zum Iran unterhalten, der als kleiner, aber dritter Pol innerhalb eines solchen zweiten Weltsystems fungieren würde. Die Welt würde zu einer Art Bipolarität zurückkehren, ähnlich jener, die während des Kalten Krieges bestanden hatte. Der Kalte Krieg hat bereits gezeigt, dass unter den Bedingungen der Bipolarität jedes Weltsystem teilweise durch das andere kontrolliert und daher hinsichtlich seiner Möglichkeiten, zivilisatorische Normen zu stark zu verletzen, eingeschränkt wird. Während des Kalten Krieges verhinderte allein die Existenz der Sowjetunion die Nutzung „aller Optionen“ der USA in Vietnam, insbesondere den Einsatz von Atomwaffen, während der kulturelle Einfluss der Vereinigten Staaten das Erbe des Stalinismus immer mehr obsolet werden ließ und die Sowjetunion zwang, dieses Erbe zu schwächen und später zu überwinden. Kann ein solches globales Machtgleichgewicht, das ein globales System der gegenseitigen Kontrolle schaffen würde, wieder hergestellt werden? Und könnte dies dazu beitragen, den Aufstieg einer dystopischen Zukunft zu verhindern?

Eine solche bipolare Welt könnte jedoch nur dann ein System der Kontrolle und des Ausgleichs schaffen, wenn beide Pole ein Gleichgewicht zwischen Unabhängigkeit und Zusammenarbeit erreichen. Und dies ist aus mehreren Gründen nicht gewährleistet: So kann die ständige Konfrontation zwischen beiden Polen schnell in eine Eskalationsspirale einmünden, die, einmal in Gang gesetzt, kaum noch kontrollierbar wäre. Die sehr weit vorangeschrittene Eskalation während der Kubakrise von 1962 und während des Manövers „Able Archer“ im Jahre 1983 sind Zeugnisse dieser kaum kalkulierbaren Gefahr.

Aber auch das Gegenteil ist möglich: Angesichts der Tatsache, dass beide Pole in irgendeiner Weise zusammenarbeiten müssen, um eine ungewollte militärische Eskalation zu verhindern, kann ein solches bipolares Weltsystem relativ schnell in eine unipolare Weltordnung umgewandelt werden. Die Zeit der Perestroika unter Michail Gorbatschow und die anschließende Liberalisierung unter Boris Jelzin zeugen von dieser Möglichkeit. Als damals die Transformation zur Unipolarität tatsächlich stattfand, bekamen mehrere Weltregionen die Auswirkungen einer solchen Machtkonzentration zu spüren. Die ehemals sozialistischen Staaten wurden mittels der wirtschaftlichen Schocktherapie zum großen Teil deindustrialisiert, während der Nahe Osten in eine jahrzehntelange Periode des Krieges und der Destabilisierung eintrat. Dies zeigt deutlich, dass eine globale Regierung verhindert werden muss. Wenn zu viel Macht in einer politischen Hauptstadt konzentriert ist, wird dieser Pol unter Hybris und Korruption leiden. Die Welt braucht eine Machtverteilung im globalen Maßstab.

Doch selbst wenn es gelänge, ein bipolares Gleichgewicht herzustellen und zu erhalten, ist immer noch unklar, ob eine solche Ordnung die Manifestation eines Überwachungsstaates verhindern kann. Man sollte den militärischen Wettbewerb nicht unterschätzen, der sich zwischen beiden Weltsystemen entfalten würde, wenn sie einmal in Konkurrenz zueinander treten. Jedes von ihnen zwänge dann das jeweils andere, seine Technologie so schnell wie möglich zu entwickeln, was wiederum bedeuten würde, dass auf beiden Seiten wenig Zeit und Raum für eine humanistische Haltung oder philosophische Überlegungen verbliebe. Das militärische Wettrüsten würde beide Parteien dazu nötigen, die vorgegebene Richtung des technologischen Fortschritts zu akzeptieren oder einen potenziellen Machtverlust zu riskieren.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Glaube an die positiven Auswirkungen von Naturwissenschaft und Technik in der heutigen chinesischen Gesellschaft so stark entwickelt und so präsent ist wie in den Vereinigten Staaten, sodass ungewiss ist, ob China bewusst und stark genug sein wird, eine Wiederholung der westlichen Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die fünftausendjährige Kulturgeschichte Chinas ist zwar von großer Komplexität und bietet einem ernsthaften Nachdenken über die Fragen der Zivilisation unzählige Anknüpfungspunkte. Allerdings ist dieses Potenzial zum Teil verschüttet, weil die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts, welche den europäischen Kolonialismus, zwei Revolutionen, die japanische Besatzung und noch eine kulturelle und eine industrielle Revolution umfasste, vom kulturellen Niveau der heutigen chinesischen Gesellschaft ihren Tribut gefordert hat.

Im Vergleich zu China scheint das kulturelle Bewusstsein in Russland in der allgemeinen Bevölkerung intakter zu sein – ein Vorteil, der jedoch dadurch wieder aufgehoben wird, dass ein starker Flügel der russischen Elite das liberale Modell des Westens überschätzt und sich sogar an westlichen Fehlentwicklungen orientiert. Hieraus lässt sich der Schluss ziehen, dass ein alternatives Zivilisationsmodell aufgrund der gegenwärtigen Schwäche des westlichen Weltsystems im Hinblick auf die heutige Machtverteilung zwar durchaus möglich wäre, dass aber die kulturellen Voraussetzungen für eine solche Alternative entweder nur schwach entwickelt sind oder, soweit vorhanden, vom politischen Einfluss zumeist ausgeschlossen sind.

Dies wirft die Frage auf, ob als Alternative eine soziale Bewegung denkbar wäre, die, sofern sie irgendwo innerhalb des europäischen Kulturkreises (Europäische Union, Russland und die Vereinigten Staaten) entstehen würde, neue Werte, eine neue Weltsicht und somit letztlich auch ein neues Verständnis der europäischen Zivilisation etablieren könnte. Ein solches neues Verständnis der europäischen Zivilisation könnte dann über einen längeren Zeitraum eine Korrektur des gegenwärtigen Entwicklungspfades einleiten. Historisch gesehen war dies – von der Französischen Revolution bis in die 1960er Jahre – die Rolle der politischen Linken. Die Linke war auch die kompetente Kraft, wenn es darum ging, die Vermögenskonzentration, die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus sowie die daraus resultierende Entstehung von Imperialismus und Ideologie zu kritisieren, Elemente, die auch die gegenwärtige Krise bestimmen.

Im späten 19. Jahrhundert hat die Linke in der Tat eine korrigierende Rolle gespielt und Bismarck gezwungen, im deutschen Kaiserreich das erste System sozialer Sicherheit einzuführen. Von der Russischen Revolution im Jahre 1917 bis in die 1930er Jahre hinein spielte sie eine ambivalente Rolle. Die Gründung der Sowjetunion, die gleichzeitig heroisch und repressiv verlaufen ist, realisierte die eigentlichen Ideale des Sozialismus vielleicht nur zum Teil, erreichte aber zumindest die Unabhängigkeit des Russischen Reiches vom westlichen Weltsystem und vermochte somit ein zweites Modell einer modernen Weltzivilisation zu begründen. Schließlich beeinflusste die Linke auch den politischen Prozess der Vereinigten Staaten dahingehend, dass der New Deal der 1930er Jahre eine Alternative zur damaligen faschistischen Ordnung in Mitteleuropa etablieren konnte.

Was das theoretische Verständnis anbetrifft, so übte die Linke im 20. Jahrhundert einen beeindruckenden Einfluss aus. Neben ihrem politischen und sozialen Einfluss konnte sie auch den Kapitalismus sowie die Ursprünge und die Funktion seiner Ideologie analysieren und sogar Konzepte zum Verständnis von Kunst und Literatur in Bezug auf politische, soziale und historische Prozesse entwickeln. Angesichts eines solchen grundsätzlichen Verständnisses der Wirklichkeit war sie für fast ein Jahrhundert allen konkurrierenden liberalen und konservativen Theorien weit überlegen. Daher ist es eine legitime Frage, ob angesichts der bedeutenden Geschichte linker intellektueller Theoriebildung eine neue linke Bewegung entstehen könnte, die an die erfolgreiche Vergangenheit anknüpft und die selbstzerstörerischen Kräfte innerhalb unserer eigenen Zivilisation einzudämmen vermag.

Leider stellt die heutige Linke aber etwas ganz anderes dar als zu ihrer Blütezeit im 19. und frühen beziehungsweise mittleren 20. Jahrhundert. Im Hinblick auf die heutigen westlichen Gesellschaften muss konstatiert werden, dass die linken Politiker unserer Gegenwart wie auch die Institutionen, die sie repräsentieren, höchst fragwürdig geworden sind, so sehr, dass Mitglieder der traditionellen Arbeiterklasse den linken Parteien den Rücken zugekehrt haben. Linke Parteien existieren nur noch, weil sie in der privilegierten städtischen Mittelschicht der Akademiker, den ehemaligen Wählern der rechten Parteien, eine neue Wählergruppe gefunden haben, was an sich schon ein Zeugnis für den tiefgreifenden Wandel innerhalb der Linken darstellt. Der Grund für diesen Wandel geht auf den Kalten Krieg zurück, der nicht nur auf militärischem und wirtschaftlichem Gebiet, sondern auch auf dem Gebiet der Kultur als Kulturkampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus organisiert und ausgefochten worden war. Damit sozialistische Parteien während des Kalten Krieges innerhalb der westlichen Gesellschaften überleben konnten, hatten sie keine andere Wahl, als eine Verschiebung der Identität linken Selbstverständnisses zu akzeptieren, nämlich weg von den Fragen des Eigentums, des Klassenkampfes und der Kritik am Imperialismus und hin zu einem postmodernen Wertesystem, das auf Menschenrechten, Minderheitenrechten, Umweltfragen und Lebensstilthemen basiert. Sie mussten ihre Rolle als ein dem kapitalistischen System inhärentes Korrektiv auf der Grundlage postmoderner Werte akzeptieren oder zur Zielscheibe endloser und zerstörerischer Public-Relation-Kampagnen werden.

Die sogenannte Neue Linke oder Liberale Linke, die aus dieser Transformation hervorgegangen ist, tauschte die Themen ihrer großen Geistesgeschichte gegen das Eintreten für neue Geschlechterrollen und politisch korrekte Rechtschreibempfehlungen aus. Schließlich lernten linke Politiker sogar, ihre Wähler auf der Grundlage bestimmter Identitäten – manchmal sogar sexueller Identitäten – anzusprechen. Darüber hinaus gewöhnte sich die neue Linke an die Rolle des Verräters gegenüber den Werten des traditionellen Sozialismus oder Kommunismus. In einigen Fällen schloss dieser Verrat sogar die Unterstützung westlich geführter Kriege gegen wehrlose, aber ölreiche Dritte-Welt-Länder mit ein.

Dreißig Jahre nach dem Untergang des sozialistischen Weltsystems ist diese neue westliche Linke zu einem ideologischen Eckpfeiler des heutigen westlichen politischen Systems geworden. Mit anderen Worten, in den heutigen westlichen Gesellschaften ist die Linke entweder enorm korrupt und ein Steigbügelhalter für die Neuorganisation der Gesellschaft im Dienste des Kapitals, oder sie ist grundlegend desorientiert. In beiden Fällen ist sie nicht in der Lage, in dem anstehenden historischen Kampf ihre ursprünglichen Werte zu verteidigen. Eine Korrektur dieses unglückseligen Kurses und eine heilsame Erinnerung der linken Institutionen an ihre Ursprünge wären höchst wünschenswert. Doch angesichts der nicht zu leugnenden Verstrickung in Schuld, die die führenden Politiker der meisten linken Parteien aneinander bindet, ist es sehr unwahrscheinlich, dass dies in absehbarer Zeit geschehen wird. Und selbst wenn es geschähe, würde dies eine völlige Umgestaltung der meisten linken Parteien und Institutionen erfordern, die notwendigerweise viele Jahre in Anspruch nähme, Jahre, die heute nicht mehr zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, den gegenwärtigen Verlauf der Geschichte zu korrigieren.

Das wirft die Frage auf, ob stattdessen mit einer wachsenden konservativen Opposition gegen das gegenwärtige System zu rechnen ist und ob diese in der Lage wäre, den Lauf der Geschichte in die oben genannte Richtung zu beeinflussen. Konservative Kritiker haben in der Regel kein so tiefes Verständnis von Ideologie, Kapitalismus und sozialen Prozessen wie die traditionelle Linke. Sie haben jedoch eine andere Stärke, nämlich ein tiefes Verständnis von der Rolle und Bedeutung, welche die Kultur für eine Zivilisation spielt. Und das ist eine Kompetenz, die gerade für die gegenwärtige Situation von großer Relevanz ist.

Das letzte Jahrhundert war – mehr als jede andere Periode der neueren Geschichte – ein Jahrhundert des Krieges. Das kulturelle Leben blieb von den Schrecken des Ersten Weltkriegs, dem Gemetzel des Zweiten Weltkriegs und schließlich dem Kalten Krieg nicht unberührt. Die Vertreibung und Ermordung Tausender Künstler, Schriftsteller und Intellektueller während der Zeit des Faschismus war noch nicht kompensiert, als während des Kalten Krieges ein weiterer kultureller Umbruch erfolgte, der die Kultur noch weiter vereinfachte und vereinheitlichte.

Besonders besorgniserregend waren nihilistische Züge, wie sie beispielsweise in dem Rolling-Stones-Song „Sympathy For the Devil“ zum Ausdruck kamen. Als solche Äußerungen zum ersten Mal in die Öffentlichkeit gelangten und allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen, verstanden sie sich als Rebellion gegen die bürgerlich-christliche Gesellschaft. Im Laufe der Jahre nahm der Einfluss der kritisierten christlich-bürgerliche Gesellschaft jedoch beständig ab, während sich der postmoderne Nihilismus als neue kulturelle Leitströmung etablierte. Heute ist die öffentliche Faszination für Verbrechen, Perversion und Grausamkeit in unserer Gesellschaft so weit verbreitet und normal geworden, dass es fast unmöglich erscheint, sie überhaupt noch als etwas Fragwürdiges zu erkennen.

Eines der offensichtlichsten Merkmale des Nihilismus des 21. Jahrhunderts ist unsere Unfähigkeit, Schönheit zu erschaffen, verbunden mit unserer Neigung, Hässlichkeit zu akzeptieren und zu bewundern. Extreme Gewalt in Filmen und in der Popkultur in Verbindung mit der ständigen Darstellung von Sexualität in der Öffentlichkeit ist ein weiteres Kennzeichen einer zunehmend nihilistischen Kultur. Den Verlust, der damit einhergeht, verspürt jeder, der eine alte Stadt im Gegensatz zur modernen Architektur studiert hat oder die Komplexität der klassischen Musik mit unseren zeitgenössischen „Songs“ vergleicht.

Die heutige westliche Kultur macht den Gesamteindruck, als ob sie jeden Glauben an ihren eigenen Wert und Zweck verloren hätte, als ob sie irgendwie einer Art Mafia-Kultur entsprungen wäre, in der die Nichtoffenlegung vergangener Verbrechen der Hauptzweck aller Unternehmungen ist. Zumindest ist es schwer, einen zeitgenössischen westlichen Film, ein Buch, ein Gemälde oder ein Gedicht zu finden, das seine eigene Bedeutung und Würde nicht durch seinen Titel, seine Form oder seinen Inhalt herabsetzt. Ignoranz und Zynismus sind zur neuen Norm geworden und scheinen als solche über aller Kritik zu stehen, während es zugleich in unserer Kultur üblich geworden ist, nichts mehr ernst zu nehmen und die Vorstellungen von Realität, Wahrheit und Sinn auf allen Ebenen des kulturellen Lebens gänzlich abzulehnen.

Solange diese Tendenz sich fortsetzt, wird es nahezu unmöglich sein, den Lauf der Geschichte in Richtung einer menschenwürdigen Zukunft zu ändern. Eine Menschheit, die nicht an ihre Fähigkeit glaubt, Schönheit zu erschaffen, Wahrheit zu entdecken und vernünftig zu handeln, steht möglicherweise unter der Herrschaft einer unbewussten Todessehnsucht und hegt insgeheim den Wunsch, von dem oben beschriebenen dystopischen Schicksal ereilt zu werden. Deshalb ist eine Erneuerung der europäischen Kultur in der Tat eine Voraussetzung für jede positive Veränderung hinsichtlich des gegenwärtigen Verlaufs der Geschichte. Und aus diesem Grund ist die Kompetenz der konservativen Kräfte im Hinblick auf das Verständnis der Relevanz von Kultur heute mindestens ebenso wichtig wie die linke Analyse und Kritik des Kapitalismus und der Ideologie.

Vier Punkte für eine konservative Korrektur

Es gibt mehrere Bereiche, in denen eine konservative Kritik die zeitgenössische Kultur tatsächlich positiv verändern könnte, was wiederum eine Voraussetzung für eine politische Kurskorrektur wäre. Die Kargheit unseres heutigen politischen Selbstverständnisses hat ihre Ursache in mindestens vier Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Kultur.

Die erste dieser Schwächen ist die Tendenz der heutigen Gesellschaft, sich hauptsächlich mit der Gegenwart zu identifizieren anstatt mit der Vergangenheit und der Zukunft. Es gehört zum Wesen der Zeit, dass diese aus drei Dimensionen besteht; die zunehmende Ausdünnung des Vergangenheits- und Zukunftsbezuges zugunsten einer Überbetonung der Gegenwart ist deshalb ein Akt der Wirklichkeitsverkennung, der früher oder später dramatische Folgen zeitigen muss.

Im Sommer 1989 – nur wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer – veröffentlichte der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama in der Zeitschrift The Public Interest seinen Artikel „The End of History“, der das Ende der Geschichte durch die Hegemonie des Liberalismus über den Sozialismus erklärte. (4) Damals sah die Öffentlichkeit darin eine zwar originelle, aber letztlich wirkungslose akademische Argumentation. Was jedoch als exzentrische These begann (die übrigens den Arbeiten des russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojève (5) entlehnt wurde), war in Wirklichkeit viel mehr als das: Es war in der Tat ein Vorbote der Lebenseinstellung, die in den meisten westlichen Ländern in den kommenden Jahrzehnten dominant werdenden sollte. Wie tief Fukuyamas These in die europäische Geistesgeschichte eingegriffen hat, wird verständlich, wenn wir den Einfluss der christlichen Kultur auf die europäische Geschichte betrachten.

Jahrhundertelang war die europäische Kultur zutiefst von der christlichen Religion und ihrer heilsgeschichtlichen Erwartung geprägt. Die Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts und der Wiederkunft Jesu Christi prägte und definierte die Haltung der Europäer gegenüber Zeit und Geschichte. Im Zeitalter der Aufklärung wurde diese Haltung in säkularisierte Vorstellungen übersetzt, zum Beispiel in den Fortschrittsglauben oder in die Erwartung einer zukünftigen Revolution. Während andere Kulturen die Zeit aus der Perspektive der Ewigkeit definierten oder sie im Bild eines rotierenden Rades als periodische Wiederholung („Wiederkehr des Gleichen“) betrachteten, verstand Europa die Geschichte als einen einzigartigen und linearen Prozess, wodurch sich für jeden bewusst lebenden Menschen die Verantwortung für das Resultat der geschichtlichen Entwicklung vervielfachte. Dieses Bewusstsein für Zeit und Frist in Verbindung mit der Bereitschaft, jeden Aspekt des politischen Lebens in Bezug auf seine historische Bedeutung zu interpretieren – als ob die Zukunft der Menschheit selbst von der richtigen Interpretation abhinge – ermöglichte es der europäischen Kultur, für fast 500 Jahre zur bewegenden Kraft der Weltgeschichte zu werden.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und der Diagnose Fukuyamas schien dieses Merkmal der europäischen Kultur jedoch ein Ende gefunden zu haben. Im Zeitalter der Globalisierung erschien die Geschichte selbst zunehmend unwirklich. Die frühere Haltung gegenüber Zeit und Geschichte wurde zunächst verdrängt und schließlich für obsolet erklärt. Sie wurde ersetzt durch das reine Gewicht der existierenden Zivilisation, die durch ihre überwältigende, aber letztlich leere Präsenz den Raum für ernsthafte historische Imagination erstickte. Geschichtliche Zusammenhänge wurden nun mehr und mehr zu bedeutungslosen Vorstellungen, die von den meisten ignoriert und von einigen sogar offen verächtlich gemacht werden konnten. Allein die Tatsache, dass der Sieg des Liberalismus die europäische Position gegenüber Zeit und Geschichte zu beeinflussen vermochte, zeigt deutlich, dass das christliche Erbe Europas – wie viele Philosophen (6) gemutmaßt haben – mit dem sozialistischen und kommunistischen Projekt verbunden gewesen ist, insofern dieses in der Tat die christlichen Werte in eine säkularisierte Form übersetzt hat.

Wenn die Völker Europas die traditionelle Haltung der europäischen Kultur gegenüber Zeit und Geschichte wiederherstellen könnten, würde die Fähigkeit des europäischen Kulturkreises zur Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen – von der geopolitischen Verschiebung und der technologischen Massenüberwachung bis hin zur ungerechten Verteilung des Reichtums – grundlegend gestärkt werden. Es ist der Mangel an historischem Wissen und Vorstellungsvermögen, der zu der Kurzatmigkeit all unserer Ziele und Erwartungen geführt hat. Mit einer solchen Haltung ist es fast unmöglich, sich zur gegenwärtigen Krise unserer Zivilisation zu verhalten oder sie auch nur anzuerkennen.

Die zweite Unzulänglichkeit unserer Epoche, die zu korrigieren wäre, betrifft die Rolle des menschlichen Bewusstseins innerhalb der europäischen Kultur. Während des 18., 19. und sogar zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die europäische Kultur im besonderen Maße fasziniert vom Geheimnis des menschlichen Bewusstseins. (7) Allein die Tatsache, dass der Mensch durch die Existenz eines sich seiner selbst bewussten Geistes definiert ist, der wiederum zu Vernunft, Freiheit, Gewissen und Verantwortung fähig ist, war ein Rätsel, das fast alle Ausdrucksformen der europäischen Kultur in dieser Zeit beschäftigt hat, sei es Literatur, Musik, Malerei oder Politik – ganz zu schweigen von der Philosophie. Von dieser Haltung ist heute wenig übrig geblieben. Niemand, der jemals durch eine Ausstellung moderner Kunst gegangen ist, kommt umhin zu erkennen, dass nichts für den heutigen Menschen so fragwürdig und relativ geworden ist wie der menschliche Geist selbst, welcher als Idee oder Konzept ständig verspottet, verhöhnt und abgelehnt wird. Heutzutage hat man sich an die Vorstellung gewöhnt, dass der Mensch selbst nichts anderes als ein höher entwickelter Affe ist. Aus dieser Perspektive ist es auch kein Wunder, dass die moderne Kultur sich mehr um Fragen der Sexualität kümmert, die wir mit den übrigen Lebewesen gemeinsam haben, als um das Geheimnis des menschlichen Bewusstseins, das uns vom Reich der Tiere trennt.

Solange die Menschheit weiterhin in einem Zustand der Selbstverleugnung in Bezug auf ihre primäre Eigenschaft als Spezies lebt, solange die Menschheit das Wissen um ihre Ausnahmestellung auf diesem Planeten unterdrückt, so lange werden uns die Bestrebungen und damit die Möglichkeiten fehlen, das Ende des republikanischen Zeitalters und die Annullierung der Errungenschaften der Aufklärung zu verhindern.

Dies führt uns zu einem weiteren Merkmal der europäischen Kultur, welches dringend vergegenwärtigt werden sollte, um den aktuellen Herausforderungen gewachsen zu sein. Wie bereits erwähnt, ist das Geschichtsbewusstsein eines der wichtigsten Merkmale des europäischen Kulturraums, welches ihn von den meisten anderen Weltkulturen unterscheidet. Es gibt jedoch noch eine zweite, mindestens ebenso wichtige Besonderheit, die charakteristisch für die Kultur Europas ist – nämlich ihr Verhältnis zur Kunst. Die europäische Kultur war von der italienischen Renaissance bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein dadurch gekennzeichnet, dass die Werke der Kunst als eine Manifestation des Wissens eingestuft wurden.

Ähnlich wie das Geschichtsbewusstsein und der Fortschrittsglaube war auch die Bewunderung der Kunst ein Säkularisierungsphänomen, das eng mit der christlichen Religion, aber auch mit der Überlieferung der griechischen Mythen verbunden gewesen ist. Die europäische Kunst war deshalb einzigartig, weil die meisten Kulturen Kunst nur als Ornament für religiöse Dienste oder als Ausdruck des Wunsches der herrschenden Macht nach Repräsentation verstehen. Niemals zuvor war Kunst als Quelle der Weisheit, ja als Institution, welche Wissen repräsentiert und Einsichten ermöglicht, angesehen worden, was sich auch darin ausdrückte, dass sie selbst zum Gegenstand ständiger Forschung wurde. In Europa – und nur in Europa! – wurde die Kunst zu einer unabhängigen gesellschaftlichen Institution, die der Wissenschaft, Theologie und Philosophie gleichberechtigt gegenüberstand.

Dies hat zu einem Phänomen geführt, welches der deutsche Religionswissenschaftler Klaus Heinrich in Anlehnung an Hegel als „Kunst-Religion“ bezeichnet hat. (8) Die Künstler – die Maler, Bildhauer, Dichter, Schriftsteller und Komponisten und zum Teil auch die Philosophen – wurden fast wie Heilige gesehen und verehrt. Es scheint, als ob die jüdisch-christliche Lehre, nach der Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat, sowie die christliche Lehre, nach welcher in Jesus Christus die Menschwerdung Gottes erfolgt ist, im Prozess der Säkularisierung mehr und mehr auf Komponisten wie Mozart und Schubert, auf Dichter wie Schiller oder Puschkin, auf Schriftsteller wie Dostojewski und Tolstoi oder auf Maler wie Van Gogh projiziert wurde. Diese Künstler wurden im kulturellen Bewusstsein zu Manifestationen der göttlichen Natur des Menschen. Manchmal repräsentierte ihr Leben sogar Elemente der Passion Jesu Christi, wie zum Beispiel der frühe Tod von Mozart, Schubert und Puschkin, die Krankheit Schillers, die Bestrafung Dostojewskijs oder die Armut Van Goghs. Schon die Existenz dieser Komponisten, Dichter, Schriftsteller und Maler gab Zeugnis davon, was ein Mensch erreichen kann, was es letztendlich bedeutet, Mensch zu sein. Diese außergewöhnlichen Beispiele für die Fähigkeit und Würde eines menschlichen Lebens veränderten während der Epoche der europäischen Kunstreligion die Art und Weise, wie jeder Mann oder jede Frau sich selbst sehen und verstehen konnte.

Mehrere Hundert Jahre lang hatten Kunst, Literatur und Musik einen dramatischen Einfluss auf die Art und Weise, wie ein Mensch innerhalb der europäischen Kultur mit sich selbst in Beziehung treten konnte. Die Kunst ermöglichte es dem Menschen sich als Träger von Bewusstsein selbst zu erkennen und infolgedessen ein bewusstes Leben zu führen. Und dieser durch Kunst ausgelöste geistige Entwicklungsprozess war über mehrere Jahrhunderte hinweg auch die treibende Kraft, die die europäische Kultur dazu zwang, sich ständig zu verbessern, sich selbst beharrlich zu übertreffen, unerbittlich ihr Verständnis von Natur und Geschichte, ihre Verantwortung und schließlich ihre Komplexität zu erweitern. Es waren die Schrecken zweier Weltkriege, der darauf folgende Kalte Krieg und die Entstehung einer Konsumgesellschaft – die wiederum mit einer grundlegenden Amerikanisierung und einer aus der Perspektive des kalifornischen Lebensstils vorgenommenen Neuinterpretation der kulturellen Vergangenheit und des Wertesystems Europas einhergegangen ist –, durch die unser Kontinent zunächst sein Gleichgewicht und sein Bewusstsein und schließlich sogar seine Verbindung zum Bereich der hohen Kunst verloren hat.

Daraus können wir nur den Schluss ziehen, dass eine Wiedergeburt der ehemaligen europäischen Kunstreligion absolut notwendig ist, nicht nur um die neuen Herausforderungen im Bereich der Geopolitik, der Technologie und der Vermögensverteilung zu lösen, sondern auch, um die Weitergabe unseres kulturellen Erbes zu gewährleisten und so den Fortbestand der europäischen Kultur selbst zu ermöglichen. Ohne den Glauben an die transzendente Natur des Menschen und an die daraus hervorgehenden vielfältigen Möglichkeiten, ein menschliches Leben zu verstehen, wäre Europa nie das geworden, was es war; es wäre ein provinzieller Teil der Welt geblieben, weder Naturwissenschaft noch Technik hätten sich auf diesem Kontinent entwickelt.

Schließlich gibt es noch ein viertes Merkmal der traditionellen europäischen Kultur, an das erinnert werden muss und welches, wenn möglich, sogar wiederhergestellt werden sollte, da es eng mit den anderen drei Merkmalen verbunden ist: Die europäische Kultur mit ihrer außergewöhnlichen Beziehung zur Geschichte, zum menschlichen Bewusstsein und schließlich zu Kunst, Musik und Literatur war eine Kultur, die die Welt von einer dualistischen Perspektive aus betrachtete. Auch im Fall des europäischen Dualismus handelte es sich um das Erbe der christlichen Vergangenheit, die die Welt in ein Diesseits und ein Jenseits, den Sündenfall und seine Erlösung, Immanenz und Transzendenz geteilt hatte. Unter dem Einfluss naturwissenschaftlicher Entdeckungen tendierte auch die neuzeitliche Philosophie zunehmend dahin, einen strengen Dualismus von Materie und Geist, Körper und Seele aufzugeben und die Welt stattdessen aus einem einzigen Prinzip monistisch zu erklären.

Gleichwohl gelang es auch auf diese Weise den Transzendenzbezug, welcher ursprünglich aus dem Dualismus hervorgegangenen war, für die Philosophie aufrecht zu erhalten und den Gegensatz von Immanenz und Transzendenz scheinbar aufzuheben. Selbst eine streng materialistische Philosophie wie jene Karl Marx‘ bestärkte geschichtliche Hoffnungen und ließ Raum für politische und gesellschaftliche Utopien. Ja, die moderne europäische Kultur glaubte an Naturwissenschaft, Mechanik und wissenschaftliche Innovation, die alle Abstraktionen einer höchst materialistischen und somit positivistischen Weltsicht sind. Gleichzeitig aber bezog sie sich auch auf die Sphäre der Kunst, Literatur, Musik und Philosophie und war bereit, an eine geistige Realität zu glauben, die durch die Errungenschaften dieser Disziplinen repräsentiert wurde.

Das naturwissenschaftliche Weltbild war über viele Jahrhunderte hinweg nur eine von mehreren Entwicklungslinien, die die Moderne geprägt haben und konnte über Jahrhunderte hinweg durch die Künste und die Philosophie balanciert werden. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde die Naturwissenschaft dominant und erlangte schließlich im Industriezeitalter eine Art Hegemonie über unsere Kultur im Allgemeinen, wodurch der Materialismus und Reduktionismus der Naturwissenschaften nach und nach auch das Welt- und Menschenbild der kulturellen Sphäre beeinflussten.

Mit dem Aufkommen einer Konsumkultur nach dem Zweiten Weltkrieg und der Amerikanisierung unseres Kontinents wurde dieser Prozess abgeschlossen. Der einst selbstverständliche Transzendenzbezug der europäischen Kultur ging verloren und wurde durch eine eindimensionale Realität ersetzt, die selbst hinter die Kompromissleistungen der neuzeitlichen Philosophie zurückgefallen ist. Die Folge ist, dass nahezu alle geistigen Werte nach und nach ihre Geltung verloren haben und schließlich nicht einmal mehr in einer öffentlichen Debatte zum Ausdruck gebracht werden können. Selbst eine sehr gemäßigte Form der Kritik, die nur behutsam den Gedanken aufkommen lässt, dass nicht alle Elemente unserer Kultur durch Multikulturalismus und politische Korrektheit nach amerikanischem Vorbild aufgelöst werden sollten, verstößt heute bereits gegen gesellschaftliche Normen und führt zu Zensur, öffentlicher Denunziation und manchmal sogar zum Verlust von Karriereaussichten.

Es versteht sich von selbst, dass die europäische Kultur, wenn diese Tendenz anhält, kaum noch oder vielleicht sogar gar nicht mehr in der Lage sein wird, dem Entstehen eines Überwachungsstaates in Verbindung mit einer neofeudalen Wohlstandsverteilung zu widerstehen. Selbst ihr weiteres Überleben als Kultur wird dann immer fragwürdiger werden.

Aus diesem Grund sollte an einige der kulturellen Strömungen erneut angeknüpft werden, die für die Säkularisierung des Christentums charakteristisch gewesen sind, nämlich zur Wahrnehmung der Wirklichkeit auf der Grundlage entweder einer dualistischen Weltsicht oder zumindest unter Aufrechterhaltung eines Transzendenzbezuges, durch die erneut eine Balance zwischen den Ansprüchen der Materie und des Geistes erreicht werden kann. Sobald dies wieder denkbar wird, wird auch eine Rückkehr zur traditionellen europäischen Vorstellung von Geschichte, Bewusstsein und Kunst möglich sein. Die Gesellschaft wird wieder in der Lage sein, sich auf beide Seiten gleichermaßen zu beziehen, auf Naturwissenschaft und Philosophie, auf Mathematik und Kunst, auf Materie und Transzendenz.

Dies erfordert allerdings einen tiefgreifenden Wandel innerhalb unserer Kultur. Aus der gegenwärtigen Perspektive scheint es nahezu unmöglich, in gewisser Weise sogar jenseits aller realistischen Vorstellungen, dass eine der oben genannten Veränderungen tatsächlich eintreten könnte. Die eindimensionale Kultur von Pop und Lifestyle besteht jedoch noch nicht so lange. Von Anfang an war sie an den amerikanischen Einfluss auf Europa gebunden, der bereits nach dem Ersten Weltkrieg einsetzte und nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem permanenten Phänomen wurde, als fast alle westeuropäischen Länder von den Vereinigten Staaten abhängig wurden. Das bedeutet, dass die nihilistische, postmoderne Kultur unserer Gegenwart zumindest teilweise eine amerikanische Interpretation der europäischen Kultur darstellt (9) und daher mit ihrer geopolitischen Macht verknüpft ist. (10) Die Neuinterpretation der europäischen Kultur aus der Perspektive des kalifornischen Lebensstils, die auch als Postmoderne bekannt ist, herrscht jedoch erst seit zwei Generationen, und dies selbst innerhalb eines geographisch relativ kleinen, meist auf Westeuropa beschränkten Gebiets. Große Teile Europas und vor allem diejenigen Länder, die einst der Allianz sozialistischer Staaten angehörten, sind erst seit 20 bis 30 Jahren von der heutigen postmodernen Kultur betroffen. Dieser Zeitraum war noch nicht lang genug, um eine hochkomplexe Kultur zu zerstören, die sich über Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren entwickelt hat.

Das bedeutet jedoch, dass noch Hoffnung besteht, dass eine Wiederanknüpfung an das europäischen Erbe und eine anschließende Erneuerung unserer Kultur trotz allem, was vorgefallen ist, immer noch möglich ist. Doch ob diese Möglichkeit genutzt werden kann, ist von zwei Faktoren abhängig: Erstens bedürfte es tatsächlich einer wirkmächtigen konservativen Zivilisationskritik. Eine solche Zivilisationskritik müsste das Vakuum füllen, das in den zurückliegenden Jahrzehnten durch die Korruption innerhalb linker Institutionen entstanden ist. Eine konservative Kritik kann dieses Vakuum aber nur dann füllen, wenn sie reaktionäre Entwicklungstendenzen vermeidet und stattdessen das zur Zeit von niemandem verwaltete Erbe der Aufklärung aufgreift, also mit ihrer Kritik den Anspruch erhebt, den Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit zu befreien und ihm seine Würde als Bewusstseinswesen zurückzugeben.

Eine solche kulturelle Renaissance würde zwar zunächst von konservativen Intellektuellen getragen werden, doch sie wäre nicht im eigentlichen Sinne rechts, da sie wesentlichen Errungenschaften der Aufklärung verpflichtet bliebe. In der hier skizzierten Form würde eine solche konservative Kritik zugleich das kulturelle Fundament erneuern, das im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die großen intellektuellen Leistungen der Arbeiterbewegung überhaupt erst ermöglicht hat.

Ein zweiter wichtiger Faktor sind die Länder Osteuropas und hier insbesondere Russland, das sowohl über eine reiche kulturelle Vergangenheit als auch über weltpolitische Unabhängigkeit und Souveränität verfügt. Die ehemals sozialistischen Länder sind heute insofern wichtig, als die Neuinterpretation der europäischen Kultur aus der Perspektive des kalifornischen Lebensstils – die wiederum mit der westlichen Position im Kalten Krieg verflochten gewesen ist – hier nie voll zur Geltung gekommen und somit nie so selbstverständlich geworden ist wie in London, Paris und Berlin.

Ein Wiederaufleben der europäischen Kultur wird nicht von selbst erfolgen; es wird auf die eine oder andere Weise mit einer Verlagerung des Schwerpunkts von Westeuropa nach Mittel- und Osteuropa verbunden sein: Nur wenn die Teilung Europas, die mit dem Ersten Weltkrieg und der russischen Oktoberrevolution begonnen und sich im Kalten Krieg verfestigt hat und auch nach dem Fall der Berliner Mauer nicht beendet werden konnte, endlich aufgehoben wird, nur dann kann die europäische Kultur zu ihrer eigentlichen Gestalt zurückfinden.

Der wirtschaftliche Wind in den Segeln, der Europa vom Westen nach Osten zieht, kann auch zu der Kraft werden, die Europa helfen wird, sich aus dem gegenwärtigen Abwärtssog des kulturellen Nihilismus zu befreien und die Schätze seines vergangenen intellektuellen Lebens neu zu entdecken und wiederzubeleben.

Über den Autor: Hauke Ritz promovierte im Fach Philosophie und publiziert insbesondere zu Themen der Geopolitik und Ideengeschichte. Sein Buch "Der Kampf um die Deutung der Neuzeit" erschien 2015 in zweiter Auflage.